Beitrag zu weibliche Urkraft, Tantra, bewusste Sexualität, Neotantra, Slow Sex


Dieser Artikel wurde in leicht abgeänderter Form im Juli 2020 auf dem Blog Yogi‘s Choice in einer Themenreihe zu Tantra veröffentlicht.

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Die Bandbreite des Begriffes Tantra wurde bereits in anderen Blogbeiträgen behandelt. Mir scheint es wichtig, wenn von Tantra gesprochen wird, diese Bandbreite mitzudenken. Ich möchte mich hier aber aus sexologischer Sicht zum Thema äussern und werde daher das Geschlecht und die Sexualität in den Mittelpunkt stellen.

In dieser Hinsicht finde ich eben genau die Philosophie des Tantra besonders spannend, weil sie zu den ganz wenigen Ausnahmen gehört, die die Geschlechtlichkeit des Menschen nicht per se ausschliesst, sondern aktiv miteinbezieht.

Gerade in unserer Gesellschaft ist das Genitale, unser Geschlecht und auch unsere Sexualität und alles was damit in Zusammenhang steht, fast unsichtbar.

Vielleicht mag diese Aussage erstaunen, sehen wir doch überall und jederzeit verfügbar nackte Körper, in Werbung, aber auch in der Öffentlichkeit. Pornografie ist so einfach und in so breitem Spektrum verfügbar, wie noch nie zuvor.

Trotzdem fristet unser Genitale ein Mauerblümchendasein. Das Geschlecht, sei es ein Penis oder eine Vagina/Vulva, wird fast nirgends in seiner Ursprünglichkeit gezeigt. Wenn, dann sind es auf Hochglanz polierte, retuschierte und oft operierte Geschlechtsteile. Beim männlichen Stereotyp ist es ein leistungsfähiger, überdimensional grosser und unbedingt stets prall erigierter Penis. Der weibliche Stereotyp entspricht dem kindlichen, unbehaarten. Dargestellt am besten wie eine geschlossene Muschel, wo man fast nichts sieht.

Beide Extreme werden dem, was genitales Erleben und Fühlen bedeuten könnte, alles andere als gerecht. In der Mainstreampornografie wird die Lust der beteiligten Personen aneinander selten dargestellt. Die Gesichter sind, wenn überhaupt sichtbar, oft verzerrt. Der Gedanke, dass das Ganze auch an Arbeit und Anstrengung erinnert, ist nicht fern. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass viele Facetten von Lust und Sexualität in unserer Gesellschaft so gut wie gar nicht dargestellt werden und unsere Genitalien ein Mauerblümchendasein fristen.

Dazu kommt, dass die Kinder im Schulunterricht lernen, dass man von Sex schwanger werden kann, oder sich irgendwelche Krankheiten holt. Mit Jugendlichen im Sexualkundeunterricht darüber zu sprechen, dass Sexualität etwas schönes, lustvolles, feines, wildes, etwas ist, was nur ihnen gehört, das passiert zwar hoffentlich immer mehr, aber noch nicht genug. Und fast keines der Schulbücher (nicht einmal die Bücher für Medizinstudent*innen) ist anatomisch korrekt oder vollständig. 

Dass zum Beispiel die Klitoris im Innern des Körpers weitergeht und insgesamt fast gleich gross ist wie der Teil des Penis, der ausserhalb des Körpers liegt? Dieses Wissen sickert langsam durch, aber es ist ein Skandal, dass das nicht in den entsprechenden Lehrbüchern steht.

Dies hat, zusammen mit der Unsichtbarkeit von wichtigen Teilen unserer Sexualität, natürlich zur Folge, dass auch wir Erwachsenen mit den Spätfolgen von unvollständiger Sexualaufklärung zu kämpfen haben.

Viele Frauen haben zum Beispiel nicht einmal Wörter, um das eigene Geschlecht zu beschreiben. Ich sage Vulva für den äusseren Bereich der die inneren und äusseren Venuslippen, Klitoriseichel und Vaginaeingang, sowie den Bereich um den Vaginaeingang meint. Vagina sage ich dem Teil, der die Vulva mit der Gebärmutter verbindet.

Es mag mir als Worklauberei ausgelegt werden, aber ich finde es ungemein wichtig, dass wir Worte haben, die wir auch sagen können. Erst, was wir mit Worten beschreiben können, können wir auch weiter-denken. Es tritt in unser Bewusstsein und wird verhandelbar. 

Darum finde ich Tantra als Konzept etwas Dankbares. Es holt ans Licht, gibt Worte. Ich persönlich finde es für mich zwar stimmiger, die anatomischen Begriffe zu verwenden, die uns auch kulturell nah sind. Aber es ist bemerkenswert, dass zB der Begriff Yoni weltweit der einzige überhaupt ist, der das gesamte weibliche Genitale umschreibt, mit allen inneren und äusseren Teilen.

Nun, zu wissen, was alles zum Geschlecht dazugehört ist das eine. Es gibt einen Eindruck davon, wie vielschichtig das Organ, oder die Organe sind.

Das andere ist aber, was denn mit der Vulva und der Vagina erlebt wird. Auch wir Erwachsenen  wissen oft nicht, haben nicht gelernt, wie und wie viel Freude wir mit unserem Geschlecht haben können. Wie fest habe ich mein Geschlecht im Alltag dabei? Wie stark ich spüre, dass es ruft, ob es überhaupt ruft? Was würde es sagen, wenn es denn gefragt werden würde? Würde ich es wiedererkennen, wenn ich es im Fundbüro abholen müsste? Warum gibt es so viele plastische Schönheitsoperationen am weiblichen Geschlecht?

Ich behaupte, dass viele Menschen, aufgrund der sexuellen Entwicklung und auch gesellschaftlicher Umstände insbesondere Frauen, den Kontakt zum eigenen Geschlecht nur begrenzt lernen und erfahren. Ich sage ganz bewusst lernen. Denn wie alles andere auch, zum Beispiel Laufen oder mit einer Gabel essen, wird auch Sexualität gelernt. Wann, wie oft und auf welche Art fasst sich eine Person am Geschlecht an? Wie wird das alleine Gelernte in die Paarsexualität integriert? Kann es integriert werden?

Diese Fragen interessieren mich als Sexologin. Denn in der Art und Weise, wie wir gelernt haben, unsere Sexualität zu leben, steckt immer ein Muster, das eine Logik hat. Oftmals finden sich diese Muster oder Teile davon auch in anderen Lebensbereichen, was es umso spannender macht, daran zu arbeiten.

Ideen wie Slow Sex, Tantra, transzendente Sexualität und so weiter, sind Versuche, diese Muster einmal zu durchbrechen und dabei etwas Neues zu entdecken.

Für viele Menschen fühlt sich das sehr stimmig und spannend an. Andere werden damit überfordert. Es kann einfach zu viel „Neues“ sein, dass sich nicht so einfach in das eigene System integrieren lässt. Spannung in den Beinen, im Geäss oder im ganzen Körper, schnelle Rythmen und feste Reibung und so weiter, sind oft wichtig, um die eigene Erregung unterstützen zu können. Da kann die Idee von Tantra, wo es mehr um Langsamkeit, fliessen lassen, loslassen und so weiter geht, schnell überfordern. 

Dennoch wohnt diesen Ideen ein grosses Potential inne. Denn man kann ja auch mal nur einen kleinen Teil ausprobieren. Zum Beispiel kann man mal das Gleiche langsamer oder schneller machen. Oder man kann einmal das Becken an der Hand oder dem Kissen bewegen anstatt umgekehrt. Solche Experimente können sinnvoll sein und bringen hie oder da neuen Schwung und ein neues Erleben in die Sexualität. Wenn das aber nicht so ist, wenn die ganze Idee schon nur so weit weg erscheint, dass man gar nicht weiss, wie man das würde ausprobieren wollen, wenn es verunsichert, dann würde ich eher davon abraten. Wenn trotzdem der Wunsch besteht, in der eigenen Sexualität weiterzukommen und etwas zu verändern, dann kann es Sinn machen, das in einer sexologischen Beratung aufzugreifen. Oftmal braucht es nicht viel, die eigene Logik zu verstehen. Sexuelles Lernen und Weiterentwickeln wird dadurch möglich. So wie bei Tantra.